Vor Leid erblindet: Israelis und PalästinenserZwei traumatisierte Völker nehmen ihre nationalen Ansprüche nicht mehr wahr "Intifada", "Road Map", "Al-Aksa Brigaden", "Hamas", fast täglich begegnen wir diesen Begriffen in Berichten über den Nahost-Konflikt in verschiedenen Medien. Israelis und Paläs-tinenser bekriegen sich, so viel ist jedem klar, aber was steckt eigentlich genau hinter diesen Worten bzw. warum scheint dieser Konflikt so unlösbar? - Als 7AS Klasse haben wir uns im Rahmen eines Projekts im Fach Politische Bildung im letzten Sommersemester besonders mit der Nahost-Problematik auseinander gesetzt. Hier eine Zusammenfassung unserer Ergebnisse. Die historischen Ansprüche auf das Land Palästina Die Israelis beanspruchen Palästina für sich, weil ihr Volk schon vor ca. 3000 Jahren dort ge-lebt habe. Historisch gesichert ist dabei die Gründung des 1. Königreichs durch König David (ca. 1000 v. Chr.). Sein Sohn Salomo errichtete in der Hauptstadt Jerusalem den 1. Tempel (für Jahwe, den Gott der Juden), der 586 v. Chr. von den Babyloniern zerstört wurde. Die Ba-bylonische Gefangenschaft bedeutete trotz der Rückkehr vieler Juden den Beginn der jüdi-schen "Diaspora" (Vertreibung). Schließlich erhob sich 66 - 70 n. Chr. das jüdische Volk ver-geblich gegen die römische Herrschaft in Palästina. Der 2. Tempel wurde von den Römern niedergebrannt, nur die Mauer an der Westseite des Tempelberges blieb bestehen, die Klage-mauer. Viele Juden mussten fliehen. Bis 1948 sollte es keinen jüdischen Staat mehr geben. Die Palästinenser berufen sich auf die arabische Eroberung Palästinas 636 - 638 n. Chr. im Zuge der Ausbreitung des Islams in Vorderasien. Im Jahre 700 wurden der Felsendom und die Al-Aksa Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem errichtet, der somit bis heute das dritt-wichtigste Heiligtum des Islams ist. Von 1517 - 1917 stand Palästina unter osmanischer Herr-schaft. Auf die Niederlage der Türken im 1. Weltkrieg folgten 30 Jahre britische Verwaltung, das sogenannte Britische Mandat (1918 - 1948). Nach Hitlers Machtergreifung bekamen The-odor Herzls Programmschrift "Der Judenstaat" bzw. die zionistische Bewegung (seit dem 19. Jh.) besondere Aktualität. Hunderttausende Juden wanderten von 1933 - 1947 in Palästina ein, was zu schweren Spannungen mit den eingesessenen Palästinensern führte.
![]() Die Gründung des Staates Israel (1948) und seine Expansion im Sechs-Tage Krieg (1967) 1947 lebten ca. 600 000 Juden und ca. 1 350 000 Palästinenser in Palästina. Ein Teilungsplan der UNO sah 55 % des Landes für die Israelis (inkl. Wüste Negev) und 45 % für die Palästi-nenser vor, was diese ablehnten. Nach dem Abzug der Briten erfolgte die Gründung des Staa-tes Israel (15. Mai 1948), der den 1. Nahost Krieg (1948/49) gewann. Den Palästinensern blieb danach nur mehr das Westjordanland (Westbank) und der Gaza Streifen (22% des Lan-des). 750 000 Palästinenser, fast 2/3 der gesamten Bevölkerung, flüchteten aus ihrer Heimat in alle Welt. Zwei traumatisierte Völker standen sich fortan gegenüber: Die Israelis mussten den "Holocaust" (Massenverbrennung) verkraften, die Palästinenser "Al Nakba" (Katastro-phe), das heißt Flucht und Verlust ihrer Heimat Palästina, wobei sie gerade auch von arabi-schen "Bruderstaaten" als Bürger 2. Klasse behandelt wurden. Im Sechs-Tage Krieg (1967) unterstrich Israel eindrucksvoll, dass auch eine große Koalition arabischer Staaten seine Existenz nicht auszulöschen vermochte. Der strahlende militärische Sieg, vom israelischen Generalstab vorhergesehen, half den Israelis erstmals über das Holo-caust-Trauma hinweg. Ägypten verlor die Sinai Halbinsel (Rückgabe 1982), Syrien die Golan Höhen (Annexion 1981). Vor allem aber verschärfte sich das Palästinenserproblem, nachdem die Westbank, Gaza und Ostjerusalem (Annexion 198o) von Israel besetzt wurden. Die nun einsetzende israelische Siedlungspolitik ab den 70ger Jahren beruhte von Anfang an weniger auf sicherheitspolitischen als vielmehr auf ideologischen (religiösen) Motiven. Landenteig-nungen, neue Siedlungen mit eigener Infrastruktur, politische und wirtschaftliche Unterdrü-ckung der Palästinenser führten zur 1. Intifada.
![]() 1. und 2. Intifada und die Errichtung des "Sicherheitszaunes" Die 1. Intifada (von arabisch "abschütteln", "sich erheben") gilt als offener Volksaufstand der Palästinenser, v. a. Jugendlicher, Frauen, Zivilisten, von 1987 - 1993 in den besetzten Palästi-nensergebieten. Sie endete mit dem Oslo Abkommen (1993), worin die Palästinenser erstmals das Existenzrecht Israels anerkannten bzw. Israel die PLO (Palestinian Liberation Organisati-on, seit 1964) unter der Führung Jassir Arafats als legitime Vertretung des palästinensischen Volks. Ein 5 Jahresplan sollte bis 1999 einen eigenen Palästinenserstaat und Frieden schaffen, doch schon 1995 wurde der israelische Ministerpräsident Itzhak Rabin von einem jüdischen Siedler ermordet, und die radikalen Kräfte auf beiden Seiten behielten fortan die Oberhand. Die 2. Intifada wurde durch den Besuch Ariel Scharons auf dem Tempelberg am 28. Septem-ber 2000 ausgelöst, wobei es bei Zusammenstößen 4 Tote und 200 Verletzte gab. Sie ist im Gegensatz zur 1. ein bewaffneter Aufstand radikaler Palästinenserwiderstandsgruppen, u.a. der Hamas (Begeisterung) oder der Al-Aksa Brigaden ( Moschee auf dem Tempelberg). Die-ser gipfelt in gezielten Selbstmordattentaten auf israelische Zivilisten, was wiederum massive militärische Vergeltungsaktionen der Israelis hervorruft. Weder die Road Map (Internationa-ler Friedensfahrplan der USA, Russlands, der EU bzw. UN) und schon gar nicht Scharons "Sicherheitszaun" konnten bisher den beiden verfeindeten Völkern zu Frieden und Sicherheit verhelfen.
5 Streitpunkte verhindern einen dauerhaften Frieden In Israel (inkl. Westbank) leben ca. 6 Millionen Juden, in der Diaspora 7 Millionen (allein 5 in den USA). Zwischen Mittelmeer und Jordan gibt es auch ca. 4,5 Millionen Palästinenser, etwa gleich viele sind auf der ganzen Welt verstreut. Während nun jeder Jude das Recht hat, nach Israel zurückzukehren, soll den Palästinensern eine Rückkehr in ihre Gebiete verwehrt blei-ben. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Geburtenrate der Palästinenser dreimal so hoch wie die der Israelis ist. Nach wie vor nicht ausverhandelt ist der Status von Jerusalem, in dessen Altstadt sich wichti-ge hl. Stätten dreier Weltreligionen befinden: Klagemauer, Felsendom und Grabeskirche Jesu. Israel ist nicht bereit, diese Altstadt mit den Palästinensern zu teilen, eine palästinensische Hauptstadt Jerusalem dürfte höchstens die östlichen Vorstädte umfassen.
![]() Eine große Hürde stellt die strategische Verschiebung der Grenze zwischen Israel und der Westbank nach Osten durch die Israelis dar (Missachtung der "grünen Linie", der Waffenstill-standslinie 1967). Auch die ständige Präsenz israelischer Soldaten an der Grenze zu Jorda-nien, weil dort noch heute ein Großteil der palästinensischen Flüchtlinge lebt, ist für die Palästinenser unannehmbar. Darüber hinaus geht es um das Wasser. Der Bau des Sicherheitszauns schneidet den Palästi-nensern die wichtigsten Wasserquellen ab. Israel sichert sich so 65% der Wasservorräte bzw. 20% des Bodens der Westbank, vorwiegend das fruchtbare Land. Schließlich stellt die israelische Siedlungspolitik das Hauptproblem dar. Selbst die meisten nicht religiösen Juden sprechen von der "Fruchtbarmachung des Landes", von der "Erlösung des Bodens" als Vorstufe der "messianischen Erlösung" des auserwählten Volkes in seiner biblischen Urheimat. Für die Palästinenser bedeutet das geschickt angelegte Netz der israeli-schen Siedlungen mit eigener Infrastruktur die Aufteilung der Westbank in verschiedene Zo-nen A, B und C, die sie nur teilweise betreten dürfen. Die palästinensischen Enklaven haben Ghetto-Charakter (vgl. Homelands in Südafrika), und oft bedarf es stundenlanger Wartezeiten an den Checkpoints, um aus einer Zone nur ca. 30 km weiter in eine andere zu kommen.
![]() Erniedrigung ein Hauptmotiv für palästinensischen Terror Issa Abu Aram war Mitarbeiter der palästinensischen Behörde "Vorbeugende Sicherheit", die mit Israel bis zur Besetzung der autonomen palästinensischen Städte im März 2002 kooperier-te, um Selbstmordattentate zu verhindern. Er nennt als Hauptmotiv für die Anschläge nicht das versprochene Leben im Paradies mit süßen Früchten, alkoholfreiem Wein und 72 Jung-frauen, sondern die persönliche Erniedrigung und das individuelle Leid vieler Palästinenser: "Manchmal gingen die Schikanen an den israelischen Kontrollposten so weit, dass zu be-stimmten Zeiten alle Palästinenser mit Namen Mohammed nicht passieren durften. Auch mussten sich palästinensische Frauen dort entkleiden, oder es wurden Männer gezwungen, ihre Frauen in aller Öffentlichkeit zu küssen, was in der arabischen Gesellschaft verpönt ist. Viele Frauen mussten an Checkpoints gebären, weil israelische Soldaten ihnen den Weg zum nächsten Krankenhaus verwehrten . Die Selbstmordattentäterin aus Jenin im Oktober 2003 in Haifa war eine junge Rechtsanwäl-tin, die sich persönlich rächen wollte, denn sowohl ihr Bruder als auch ihr Verlobter wurden von der israelischen Armee getötet. Ihrem alten, kranken Vater wurde < aus Sicherheitsgrün-den > die Genehmigung verweigert, nach Israel zu kommen, um in einem israelischen Kran-kenhaus behandelt zu werden. In den Palästinensergebieten gibt es jetzt Tausende solcher Menschen, Männer und Frauen, und jeder von ihnen ist eine Zeitbombe".
Am Ende dieser Zusammenfassung möchten wir uns bei Prof. Liebe (Projektleiter) und ganz besonders bei Herrn Michael Ingber, Major der israelischen Armee, Historiker und Militärex-perte, bedanken, der seit dem Jahr 2000 als freischaffender Bildungsreferent in Österreich, u.a. für das Bildungsministerium, tätig ist. Nach unseren Internetrecherchen und den darauf beruhenden Referaten waren es vor allem die Ausführungen von Herrn Ingber an 2 Projekttagen, die uns erst einen vertieften Einblick in die verfahrene Situation im Nahen Osten ermöglichten. Abschließend seien daher auch folgende Kernaussagen Herrn Ingbers sinngemäß zitiert: "Leider unterstützen die USA im Grunde einseitig die "Pioniertätigkeit" der Israelis. Sie sind daher kein neutraler Vermittler in einem Konflikt, der nicht lokal, sondern exemplarisch für viele ähnliche Konflikte zwischen Völkern auf der ganzen Welt zu verstehen ist. Israelis und Palästinenser dämonisieren sich gegenseitig. Man ist so mit dem eigenen Leid (bzw. dem ei-genen nationalen Trauma der Vergangenheit) beschäftigt, dass man den anderen gar nicht mehr mit seinen nationalen Ansprüchen wahrnimmt. Und solange das anhält, wird sich die Spirale der Gewalt weiter drehen."
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